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Aus dem Bücherregal:
Der neue „Duden: Die Deutsche Rechtschreibung“. Ein Must-have?


Darf ich vorstellen? Mein Ex-Duden und mein Neuer.

Darf ich vorstellen? Mein Ex-Duden und mein Neuer.

 

Die Einführung war gut inszeniert, die Werbetrommel wurde ordentlich gerührt. Es hat sich gelohnt: Der »Duden – Die deutsche Rechtschreibung« in der 27., völlig neu bearbeiteten und erweiterten Auflage ist ein Bestseller. Bei Amazon ist er die Nummer 1 unter den einsprachigen Wörterbüchern.

Schon wieder ein neuer Duden, mag manch einer staunen. Der letzte ist gerade einmal vier Jahre alt geworden: Die 26. Auflage erschien 2013. Und trotzdem: Es war an der Zeit! Die deutsche Sprache ändert sich rasend und, ebenso wichtig: Ende Juni hat der Rat für deutsche Rechtschreibung Änderungen am amtlichen Regelwerk der deutschen Rechtschreibung veröffentlicht. Diese galt es umzusetzen und in der neuen Auflage aufzunehmen. (Was sich genau geändert hat, können Sie in diesem Beitrag nachlesen.)

Was bringt der neue Duden? Lohnt sich die Anschaffung?

5 000 neue Wörter

Die offensichtlich größte Neuerung kennen Sie sicher aus der Presse: Rund 5 000 Wörter mehr fasst der neue Duden. Einige davon, wie Barrierefreiheit, liken, WhatsApp, Inflationsschutz oder der unentbehrliche Selfiestick sind schon länger fester Bestandteil der deutschen Gegenwartssprache. Bei anderen fragt man sich, wie sie es in den Duden geschafft haben. Etwa bei ick/icke oder Arschrunzeln. Da helfen mir auch die Erläuterungen zur „Auswahl der Stichwörter“ im vorderen Teil des Dudens nicht wirklich weiter.

Was positiv auffällt: Trotz der 5 000 neuen Einträge im Stichwortteil hat der Umfang des Rechtschreibdudens kaum zugenommen. 1264 Seiten hat der Neue, 1216 waren es davor. Knapp 50 Seiten mehr, wovon allein 16 auf den Regelteil entfallen. Auch gewichtsmäßig macht sich der Nachwuchs kaum bemerkbar: Auf gerade mal 40 Gramm mehr kommt die neue Auflage.

Das neue Layout

Da liegt die Vermutung nahe, dass durch die neu aufgenommenen Wörter Layout und Lesbarkeit gelitten haben könnten. Doch nein: Im Wörterverzeichnis hat sich bis auf ein paar Kleinigkeiten kaum etwas geändert. Ins Auge springen hier lediglich die vormals grau hinterlegten und nun roten Hinweise auf die entsprechenden Kennziffern im Regelteil, die optisch auf mich wie kleine Anker wirken.

Der Regelteil hat layouttechnisch sogar gewonnen! Er glänzt durch mehr Weißraum, der auflockert und die Lesbarkeit erhöht. Zudem wurden rote Zwischenüberschriften eingefügt, die eine bessere Orientierung erlauben. Meine Lektorenaugen sagen Danke!

Duden wird moderner

Die Neuerungen sind Ausdruck des Modernisierungsprozesses, den die Marke Duden gerade durchläuft. Man denke etwa an die gut geplante Einführungskampagne. Hinter dem neuen Corporate Design steht mit TDL (Tom Leifer Design) eine Hamburger Designagentur. Das erklärte Ziel: „Vom Must-have zum Want-have“. Das fühlt man an allen Ecken, auch in der Pressemitteilung zum neuen Rechtschreibduden: „Wer auf dem aktuellen Stand der Sprache sein und alle neuen Wörter richtig schreiben will, braucht den neuen Duden.“, erfährt man dort. „Der neue Rechtschreibduden […] dokumentiert so aktuell wie nie den Stand der deutschen Rechtschreibung.“ Ob das Streben nach Modernisierung wohl auch bei der Aufnahme einiger Wörter ins Stichwortverzeichnis Pate stand?

Neues Goodie: „Deutsche Rechtschreibung IN KÜRZE“

Ebenfalls neu: Als kleine Zugabe liegt dem Print-Duden ein Faltheftchen bei, das über die wichtigsten Eigenheiten und Regeln der deutschen Sprache informiert. Eine Art Kurzzusammenfassung. Ich sehe allerdings nicht wirklich, dass dieses, in die Hosentasche gesteckt, mit zur Arbeit oder in die Schule mitgenommen wird. Dafür sind die Regeln der deutschen Sprache und Rechtschreibung einfach zu komplex. Sie erfordern – das ist meine Meinung – selbst bei einfachster Erklärung zu viel Vorwissen, als dass sie auf Spickzettelgröße komprimiert werden könnten.

So viel zu den Neuerungen seitens der Duden-Redaktion. Daneben setzt der neue Duden natürlich auch die Änderungen um, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung vorgeschlagen und im Juni von der Kultusministerkonferenz bestätigt wurden.

Die Änderungen der amtlichen Rechtschreibung

Das große Eszett

Mit Anpassung der amtlichen Rechtschreibung im Juni wurde das große Eszett in die deutsche Sprache aufgenommen. Enthält ein in Großbuchstaben geschriebenes Wort ein Eszett, hat man nun die Wahl zwischen „SS“ und dem großen Eszett „ẞ“. Der Duden vermerkt dies in der Duden-Regel D 160. Mit dem Hinweis, dass die Verwendung des neuen Großbuchstabens „fakultativ“ ist und „traditionellerweise SS für ẞ steht.“ In manchen Schriften gebe es aber auch einen entsprechenden Großbuchstaben. Für mich klingt das sehr verhalten. Ich werde mich wohl jedes Mal ein wenig revolutionär fühlen, wenn ich – entgegen der Tradition – das große Eszett verwende!

Die Groß- und Kleinschreibung von Adjektiven in festen Verbindungen

Ebenfalls geändert hat sich die Groß- und Kleinschreibung des Adjektivs in festen Verbindungen aus Adjektiv und Substantiv. Neben der grundsätzlichen Kleinschreibung (bei wörtlichem sowie metaphorischem oder metonymischem Gebrauch des Adjektivs) oder Großschreibung (bei Titeln, Ehren- und Amtsbezeichnungen, bei offiziellen und kirchlichen Feier- und Gedenktagen sowie (neu!) bei Funktions- und Berufsbezeichnungen und besonderen Anlässen und Kalendertagen) kam mit der Änderung als dritter Fall die fakultative Großschreibung hinzu. Wahlfreiheit hat der Schreiber bei fachsprachlichen oder terminologisch gebrauchten Verbindungen und dann, wenn Adjektiv und Substantiv zusammen eine neue lexikalische Bedeutung haben, wie beim „blauen/Blauen Brief“ (= Verwarnungsschreiben) oder beim „schwarzen/Schwarzen Brett (= Anschlagtafel). Im Detail nachlesen können Sie die Änderungen im aktuellen amtlichen Regelwerk (hier insbesondere § 63 auf den Seiten 70 – 72) oder in meinem Blogbeitrag zu den Änderungen.

Der Duden hat die Änderungen des Rats für deutsche Rechtschreibung aufgenommen und die Duden-Regel D 89 entsprechend angepasst. In Fällen, in denen Groß- und Kleinschreibung möglich ist, spricht der Duden jeweils eine Empfehlung für eine der beiden Schreibweisen aus:

  • der kaufmännische (Empfehlung) oder Kaufmännische Geschäftsführer
    (alt: der kaufmännische Geschäftsführer)
  • das neue (Empfehlung) oder Neue Jahr
    (alt: das neue Jahr)
  • die goldene (Empfehlung) oder Goldene Hochzeit
    (alt: die goldene Hochzeit)
  • der runde (Empfehlung) oder Runde Tisch
    (alt: der runde Tisch)

Der einfachste Weg ist, dies jeweils im Duden nachzuschlagen. Ich werde auf Nummer sicher gehen und immer dann nachschlagen, wenn es um Funktions- und Berufsbezeichnungen, besondere Anlässe und Kalendertage oder um eine Verbindung aus Adjektiv und Substantiv mit einer neuen idiomatisierten Gesamtbedeutung geht. Und zwar so lange, bis ich die Groß- oder Kleinschreibung von Adjektiven in festen Verbindungen inklusive der jeweiligen Duden-Empfehlung im Schlaf beherrsche. Längstens bis zum nächsten Duden 😉

Bindestrichschreibung bei Personenbezeichnungen

Ende Juni ist hat sich auch die Verwendung des Bindestrichs bei Personenbezeichnungen geändert. Neben „Koautor“ ist nun auch die Schreibweise „Co-Autor“ explizit erlaubt. Die Bindestrichschreibung ist sogar die von der Duden-Redaktion empfohlene Variante. Das gilt auch für andere Kombinationen mit „Co“ wie Co-Adjutor (daneben: Coadjutor, Ko-Adjutor, Koadjutor), Co-Pilot (daneben: Copilot, Ko-Pilot, Kopilot), Co-Produzent (daneben: Coproduzent, Ko-Produzent, Koproduzent), Co-Regisseur (daneben: Coregisseur, Ko-Regisseur, Koregisseur) und Co-Trainer (daneben: Cotrainer, Ko-Trainer, Kotrainer).

Analoges gilt auch für Kombinationen mit „Ex“: Der neue Bindestrich schafft nun zusätzlich Distanz in Verbindungen wie: Ex-Frau (neben Exfrau), Ex-Freund (neben Exfreund), Ex-Freundin (neben Exfreundin), Ex-Jugoslawien (neben Exjugoslawien), Ex-Kaiser (neben Exkaiser), Ex-Kanzler (neben Exkanzler), Ex-König (neben Exkönig), Ex-Mann (neben Exmann), Ex-Minister (neben Exminister) und schließlich Ex-Weltmeister (neben Exweltmeister).

Es versteht sich von selbst, dass auch alle weiblichen Formen (wie die Ex-Kanzlerin) entsprechend behandelt werden.

Schade, dass die dahinter stehende Regeländerung im neuen Duden nicht offensichtlich wird. Er verweist zwar jeweils auf die Regel D 21 (Bindestrich zur Hervorhebung und Verdeutlichung), merkt aber nicht an, dass es hier eine Anpassung gab.

Nicht mehr kostenlos: die Software

Kommen wir zur Software: Mit der vorigen, der 26. Auflage, hat der Duden-Verlag die kostenlose Software groß beworben. Manch einer erinnert sich vielleicht noch an die rote Bauchbinde mit dem Aufdruck: „Premiere: Duden³. Buch, App und Software. Downloadcode im Buch.“ Die 27. Auflage geht einen Schritt zurück. Der Kunde kann sich zwar die Software zur neuen Auflage im Duden-Shop herunterladen. Diese kostet aber 19,99 Euro, die zusätzlich zum Buch zu zahlen sind. Außerdem: Die neue Software ist mit der letzten Version der Duden-Bibliothek (Version 5) nicht mehr kompatibel. Der Kunde muss also die Version 6 aufspielen, was aber automatisch passiert, sobald er die Software für den neuen Rechtschreibduden installiert. Leider kann Version 6 der Duden-Bibliothek dann ältere Versionen anderer Duden-Bände teilweise nicht mehr aufnehmen. Das bedeutet dann: Entweder weitere Duden-Bände in neuer Auflage nachkaufen oder in zwei Versionen parallel arbeiten. Wie praktikabel das ist, wird sich zeigen. Hier hätte ich mir eine unkompliziertere Lösung gewünscht!

Für alle, die mit mehr als einem Band der Duden-Bibliothek arbeiten, ist es außerdem ein teurer Spaß, alle paar Jahre alle Duden-Bände auszutauschen. Aber wer weiß: Vielleicht findet die Duden-Redaktion ja noch eine langfristige Lösung für professionelle Anwender? Etwa ein Kombinationsangebot (Buch und Software) oder ein Softwareabonnement …

Gelungen: Duden-Bibliothek mit benutzerfreundlichem Layout

Prima finde ich die Optik der neuen Software. Moderner, reduziert, übersichtlich und vor allem: Die Erläuterungen des Regelteils sind jetzt viel besser zu erfassen, da sie dem Layout im Buch nachempfunden sind. Ein Lob für diese Anpassung!

Stiftet Verwirrung: gelbe Markierung in der Software

Als sehr ungeschickt empfinde ich allerdings folgende Änderung in der Duden-Software, die ich am besten anhand des Suchbegriffs „Ex-Frau“ erläutere. Schlage ich dort die alte Schreibweise „Exfrau“ nach, weil ich eventuell die Änderung der empfohlenen Schreibweise nicht mitbekommen habe, sehe ich Folgendes:

Gelbe Markierung in Software

Gelbe Markierung in Software

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zunächst die Schreibung mit Bindestrich „Ex-Frau“, davor ein gelbes Kästchen mit schwarzem D und grünem Haken. Und dann die gelb markierte Schreibweise „Exfrau“. Als fleißiger Duden-Nutzer verbinde ich mit der gelben Unterlegung die von Duden empfohlene Schreibweise. Sie vielleicht auch? Denkste! Hier, in der Software, zeigt der kleine gelbe Kasten vor dem Begriff die empfohlene Schreibweise an. Und die Unterlegung bedeutet hier einfach nur, dass dies der von mir eingegebene Suchbegriff ist. Das verwirrt! In der alten Version (Version 5) der Software war dies besser gelöst: Dort ist der eingegebene Begriff nicht hinterlegt bzw. teilweise türkis hinterlegt.

Es sieht fast so aus, als habe man hier zusätzlich Transparenz schaffen wollen und bei der neuen Markierung versehentlich nach der für den Duden typischen Farbe für die empfohlene Schreibweise gegriffen.

Immer noch kostenlos: die Onlinesuche

Immer noch kostenlos – wenn auch mit zahlreichen Werbefeldern bestückt – ist das Duden Online-Wörterbuch: Auf der Website des Duden steht dem Leser mit der Onlinesuche praktisch eine kostenlose Version des Duden zur Verfügung. Das ist eine prima Ergänzung zur Software und zum Print-Duden. Ich persönlich fahre am besten mit einer Kombination aus allen dreien. Mal bin ich online unterwegs, mal lieber offline. Die Suche über die Software ist oft schneller und von Zeit zu Zeit ist das Online-Wörterbuch nicht verfügbar, da die Duden-Website gewartet wird. Und bei Fragen zu Rechtschreibregeln und Zeichensetzung oder bei größeren Infokästen lese ich gerne im aufgeschlagenen Buch nach.

Fazit: Der neue Duden – ein Must-have oder Want-have?

Für alle, die korrekt schreiben möchten oder beruflich mit Sprache zu tun haben, ist der Duden ein echtes Must-have. Für mich als Lektorin ist er aber selbstverständlich ein Want-have! Schon Tage vor dem offiziellen Erscheinungstermin am 9. August war ich richtiggehend aufgeregt. Sobald die ersten Bilder der 27. Auflage in den sozialen Netzwerken auftauchten, gab es dann für mich kein Halten mehr: Ab in die Lieblingsbuchhandlung und einen Duden mit nach Hause genommen!

Tja, und zwei Tage später kam dann das – leider vorab nicht bestätigte – Rezensionsexemplar vom Duden-Verlag. Egal, zwei Duden sind besser als einer! Ein herzliches Dankeschön nach Berlin an dieser Stelle!

Inzwischen hat auch das zweite Exemplar ein gutes Zuhause gefunden, wenn auch mit etwas Überzeugungsarbeit. Der Weg vom Must-have zum Want-have ist stellenweise wohl doch noch ein etwas längerer …

Das neue Layout ist jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung. Und auch die offensivere, modernere Kommunikation tut dem Duden gut. Ich bin gespannt, was die nächste Auflage bringt 😉

PS: Meine Kollegin Marion Kümmel hat in ihrem Blog Federwerk den neuen Duden ebenfalls unter die Lupe genommen, u. a. auch die Einzelschreibungen im Wörterverzeichnis und die neu in den Duden aufgenommenen Wörter.

Im Lexikographieblog von Michael Mann finden Sie eine Zusammenstellung der neuen Stichwörter, die auf duden.de eingefügt wurden.

Haben Sie den neuen Duden schon im Regal? Was gefällt Ihnen besonders, was nicht? Ich freue mich auf Ihren Kommentar!

Sie haben ihn noch nicht? Dann können Sie ihn direkt beim Verlag bestellen oder über einen Klick auf das Cover unten bei Amazon (Partnerlink):

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Die Autorin, Kerstin Schuster, ist Texterin und Freie Lektorin mit Schwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.
Kontakt: Tel. 07621 1605700, info(at)kerstinschuster.de, www.kerstinschuster.de

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